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  • Mr. Tribus

Wer ist eigentlich behindert? - Carsten Burkhardt


Ich gehe durch die Stadt und habe kein Ziel vor Augen. Nein, ich gehe und sehe alles um mich herum. Mit offenen Augen schaue ich mir die Menschen und den Trubel um mich herum genau an. Ich frage mich, was ist das nur? Ein Unbehagen kommt in mir auf, ich muss kurz innehalten und bleibe stehen. Ich frage mich warum sind wir Menschen so. So gleichgültig mit allem. Ich gehe weiter, vor mir ist ein älterer Mann, ich kann ihm ansehen, dass er die zwei Einkaufstaschen nur schwer tragen kann. Er schwitzt und ist ganz blass im Gesicht. Ich frage ihn: „Brauchen Sie Hilfe? Ich kann Ihnen beim Tragen helfen.“ Er schnauzt mich an, was mir einfallen würde. Ich gehe weiter, ein Bekannter kreuzt meinen Weg und fragt mich: „Alles fit?“ Noch bevor ich antworten kann, höre ich nur: „Top, ich muss weiter“. Die Menschen wollen viele soziale Kontakte, aber Freundschaften sind das nicht. Echte Freundschaften sind Arbeit, sie müssen gepflegt werden. Ich schaue mir Menschen an die nebeneinandersitzen und sich kein Wort zu sagen haben. Irgendwie ist das Leben der Menschen nur noch im Internet zu finden. Mein Weg führt mich an einem Spielplatz vorbei. Ich sehe ein kleines Kind, welches versucht die Aufmerksamkeit seiner Mutter zu erlangen, doch erntet das Kind von seiner Mutter nur die Worte: „Lass mich in Ruhe, Mama hat jetzt keine Zeit.“ Dabei sieht sie ihr Kind nicht mal an. Der Blick ist starr auf das Handy gerichtet. Ihrem Kind ist anzusehen, dass diese Worte nicht zum ersten Mal gesagt wurden. Die kurze Zeit mit den eigenen Kindern ist so kostbar und es vergeht so schnell, dass man für seine Kinder noch der Mittelpunkt der Erde ist.

Plötzlich höre ich ein lautes und von Herzensfreude erfülltes Lachen. Ich drehe mich um und sehe schon Menschen die kopfschüttelnd an mir vorbei gehen. Auch höre ich wie Menschen sagen: „Wie peinlich ist der Mongo denn!“ Mich hat sein Lachen so fasziniert, dass ich nachschauen musste, wer da so laut lacht. Ich gehe ein paar Schritte und sehe einen jungen Mann in einem Rollstuhl. Man sieht ihm an, dass er nicht nur körperlich ein Handikap hat. Er hat schon Tränen in den Augen vom Lachen und hält sich seinen Bauch. Ich kann nicht anders ich gehe zu ihm. „Hi, was ist denn so lustig?“, frage ich den jungen Mann im Rollstuhl. Er schaut mich an und meint: „Der eine Schmetterling spielt mit dem anderen Schmetterling und das sieht lustig aus." Ich merke wie mein noch eben trauriger Gesichtsausdruck verschwindet und mein Mund ein Lächeln formt. „Ja, du hast Recht, sowas ist lustig und auch schön zugleich." Ich möchte von ihm wissen, was er über die Menschen denkt, die dabei mit dem Fingern auf ihn zeigen. Er erklärt mir, dass es ihm egal ist. Sein ganzes Leben wird er schon belächelt. Es erstaunt mich, wie gut man doch mit ihm reden kann. Er sprach etwas an, was mich schon lange beschäftigt. „Ich bin nicht behindert. Behindert sind Menschen, die ihre Gefühle unterdrücken." Da konnte ich ihm nur Recht geben. Unsere Gesellschaft ist so verklemmt, wir können nicht Lachen wenn wir uns freuen. Wir schreien nicht, auch wenn es uns oft befreien würde. Daher die Frage: Wer ist eigentlich Behindert?

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